Schwedens digitale Rundfunk- und Fernseharchive: Zeitgeschichte nacherleben im Internet

Das Team von Eisbrecher probiert etwas Neues: Dieser Artikel ist als Podcast abrufbar – mit zahlreichen Orginal-Ton-Dokumenten aus den Archiven des Schwedischen Rundfunks zum Anhören. Vielen Dank für die freundliche Genehmigung an Anna Wesslau (Sveriges Radio)!

Screenshot einer Seite von SR Minnen, dem Archiv-Kanal des Schwedischen Rundfunks

Screenshot einer Seite von SR Minnen, dem Archiv-Kanal des Schwedischen Rundfunks

Über das Internet können wir nicht nur alles miteinander teilen, was wir im Hier und Jetzt tun – das Netz ermöglicht uns auch Einblicke in die Vergangenheit: Digitale Archive erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Gerade für ein kulturwissenschaftlich und historisch interessiertes Publikum bieten solche Archive die Möglichkeit, Zugang zu einem Thema zu finden und sich in die Zeit eines Ereignisses hineinzuversetzen. Nordeuropäische Fernseh- und Radiostationen bieten dafür schon seit längerer Zeit eine gute Plattform, zum Beispiel in Schweden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Sveriges Radio hat seinem Archiv sogar einen eigenen Digitalradiokanal gewidmet: SR Minnen. Klickt man die Seite an, bekommt man Zugriff auf Programmausschnitte aus 8 Jahrzehnten. Darunter ist zum Beispiel ein Ausschnitt aus der Extra-Ausgabe der Rundfunk-Nachrichten Ekot. Die Aufnahme stammt aus der Nacht, in der Olof Palme erschossen wurde.

Die Stärke der digitalen Medienarchive wird schon in diesem kurzen Ausschnitt deutlich: Es ist wie eine Reise mit der Zeitmaschine, zurück in die Vergangenheit. Man kann nachhören, wie es damals klang, als es passierte – bei manchen Ereignissen sogar in Echtzeit. So findet sich im Archiv von SR Minnen auch ein Dossier zum 11. September. Hier kann man die erste Livereportage aus Washington nachhören, in der die schwedische Hörfunkreporterin für die Nachrichten unmittelbar nach den Anschlägen beschrieb, was gerade um sie herum passierte.

Das Programm von SR Minnen wird in Schweden auch über das digitale Radio verbreitet und weltweit über das Internet gestreamt. Ausschnitte sind im Nachhinein als Audio-on-demand abrufbar. Nur eine Schwierigkeit gibt es dabei: Das Urheberrecht. Deshalb findet man kaum Programme zum Herunterladen auf die eigene Festplatte und kaum Programme mit Musik. Das ist gerade im Falle Schwedens schade – dachte ich mir, als ich vor einigen Jahren an einer Hausarbeit zum schwedischen „Musikwunder“ schrieb und mir nur zu gern den wahrscheinlich völlig durchdrehenden Radioreporter angehört hätte, der über den Sieg von ABBA beim Eurovision Song Contest 1974 in Brighton berichtet hatte.

Vielleicht muss man es da beim Schwedischen Fernsehen versuchen? Volltreffer! Im sogenannten offenen Archiv finden sich etliche Clips aus den 70er-Jahren, in denen man sich die vier ABBA-Mitglieder anschauen kann. Aus urheberrechtlichen Gründen gibt es zwar keine Musik, dafür aber das Interview von SVT mit den vier ABBAs direkt nach dem Eurovision-Sieg mit „Waterloo“.

Screenshot vom Videoplayer des offenen Archivs von SVT: Hier eine Pressekonferenz nach dem Untergang der MS "Estonia"

Screenshot vom Videoplayer des offenen Archivs von SVT: Hier eine Pressekonferenz nach dem Untergang der MS „Estonia“

Genau wie im Radiokanal SR Minnen findet sich auch im digitalen Fernseharchiv die schwedische Sicht auf Weltgeschichte. So kann sich der interessierte Besucher zum Beispiel ein Interview mit dem schwedischen Staatsminister Ingvar Carlsson ansehen, der am 10. November 1989 seine Sicht der Dinge schilderte – die schwedische Position zum Fall der Berliner Mauer.

Im Laufe des Jahres 2013 stehen laut SVT große Veränderungen bei den digitalen Archiven von Rundfunk und Fernsehen in Schweden an. Ein neues Urheberrecht und Verhandlungen mit den Inhabern der Urheberrechte werden demnach das offene Archiv 2.0 ermöglichen. Künftig soll es nicht mehr nur Programmschnipsel zum Hören oder Ansehen geben, sondern komplette Sendungen, mit Musik, Unterhaltung oder Information – und selbst die geliebte Dramaserie von vor 10 Jahren will das schwedische Fernsehen seinen Zuschauern über das offene Archiv zugänglich machen.

Die schwedische Regierung spricht den digitalen Archiven eine große Bedeutung zu und stuft sie als Teil des kollektiven Gedächtnisses ein. Deshalb soll für den Ausbau der Archive in den kommenden Jahren auch ordentlich Geld locker gemacht werden. Rund 100 Millionen Kronen sollen u.a. ermöglichen, die Archive einer noch breiteren Allgemeinheit zu öffnen. Als Skandinavistik-Student mit Schweden-Schwerpunkt darf man sich also freuen.

Advertisements
Kategorien: Allgemein, Archiv 2.0, Medien in Nordeuropa, Nordeuropa, Recherche-Tools, Schweden | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: