Der Ministerpräsident gefällt mir

“Gefällt mir”
Bild: Enoc vt via Wikimedia Commons

Facebook ist das wohl bekannteste Soziale Netzwerk der Welt. Mittlerweise dient es aber nicht mehr nur zur privaten Kontaktpflege, sondern wird immer mehr zum Werbemedium für Unternehmen. Kein Wunder also, dass auch Politiker Facebook für sich entdeckt haben, um potenzielle Wähler zu mobilisieren. Wie im ersten Blogartikel unserer Kategorie „Politiker im Web 2.0“ festgestellt, können die Aktivitäten der Politiker auf Facebook jedoch sehr unterschiedlich ausfallen. Welcher Politiker in Nordeuropa am meisten gefällt und wie die Informationen von Facebook wissenschaftlich genutzt werden können, soll nun dieser Beitrag klären.

Derzeit gibt es viele Ansätze, wie die Aktivität von Politikern in Sozialen Netzwerken untersucht werden kann. Eine Studie haben beispielsweise Wissenschaftler der Universität St. Gallen durchgeführt und für diese den Social Media Activity Index entwickelt. Aufbauend auf Alter, Geschlecht und Parteizugehörigkeit der Politiker als auch auf der Anzahl der Gefällt-mir-Klicks (Likes) und Nutzerkommentare ihrer Profile können Quantität und Qualität der Aktivität von Politkern bei Facebook und Co. errechnet werden.

Skandinavische Politiker auf Facebook

Geht man exemplarisch nur nach den Likes, würde bei aktuellem Stand1 ein Ranking unter den Ministerpräsidenten Nordeuropas wie folgt ausfallen:

  1. Jens Stoltenberg (Norwegen): 305.305
  2. Helle Thorning-Schmidt (Dänemark): 141.288
  3. Fredrik Reinfeldt (Schweden): 6.116
  4. Jóhanna Sigurðardóttir (Island): 5.328
  5. Jyrki Katainen (Finnland): 4.871

Wie viele Likes ein Politiker hat, hängt aber nicht zwingend mit seiner politischen Position zusammen, sondern ist vor allem abhängig von seiner Netzaffinität: Wie oft werden Statusmeldungen gepostet? Werden viele Fotos angehängt? Was wird überhaupt preisgegeben: nur Standardinfos, die auch auf der klassischen Internetseite nachzulesen sind oder aber emotional aufgeladene Statements, die zum Diskutieren einladen?

Der Obama Skandinaviens: Jens Stoltenberg auf Facebook

So kommt es, dass bei Rankings oft politische Akteure vorne landen, die nicht sowieso schon täglich in den Nachrichten zu sehen sind. Laut einer Studie von Januar 2012 ist das in Schweden beispielsweise der Vorsitzende der rechtspopulistischen Sverigedemokraterna, Jimmie Åkesson (über 25.000 Likes). In Dänemark hat laut einer Studie von 2011 unter den Folketingsabgeordneten Ministerpräsidentin Thorning-Schmidt zwar die meisten Likes, auf Platz eins der beliebtesten Parteien bei Facebook steht aber die verhältnismäßig kleine Partei Enhedslisten (über 31.000 Likes).

In Norwegen hingegen ist Ministerpräsident Stoltenberg klarer Spitzenreiter und kann mit über 305.000 Likes wohl als der „Obama Skandinaviens“ bezeichnet werden. Dass Stoltenberg nicht nur politische Statements postet, sondern seine Leser durch Fotos, Videos und private Kommentare an seinem Alltag als Ministerpräsident teilhaben lässt, ist wohl grundlegend für seine Popularität im Netz.

Für die Wissenschaft sind aber nicht nur die Profile von Politikern und Parteien interessant, sondern auch die der Nutzer. So werden beispielsweise auf Basis des Nutzerverhaltens soziologische Studien entwickelt: Was bewegt jemanden, online Gesicht zu zeigen für eine Partei/einen Politiker? Und ist die Hürde, ein politisches Statement abzugeben, online geringer als sich auf klassischem Wege politisch zu engagieren?

Wissenschaftlicher Nutzen

Doch was hat die Wissenschaft eigentlich davon, wenn die Informationen von Facebook oder anderen Web-2.0-Tools erforscht werden? Zum einen können neue Trends in der politischen Kommunikation aufgedeckt werden: Wie verhalten sich politische Akteure zur digitalen Entwicklung? Und welchen Nutzen haben zum anderen sowohl Politiker als auch Bürger von ihrer Aktivität im Netz?

Die Kernfrage in der Forschung über politische Online-Kommunikation liegt also darin, ob es durch das Internet – und speziell dem Web 2.0 – zu einer Demokratisierung im politischen Prozess kommt. Viele Forscher gehen davon aus, dass die als Gatekeeper fungierenden klassischen Medien abgelöst werden und es durch soziale Medien im Netz wieder zu einer direkten Kommunikation zwischen Politiker und Wähler kommt. Besonders im Wahlkampf birgt das Vorteile für beide Seiten: Kleinere Parteien, die in den klassischen Medien weniger präsent sind, können bei einer breiteren Masse Gehör finden. Bürger hingegen bekommen das Gefühl, in direktem Kontakt zu ihren Volksvertretern zu stehen. Nach dieser These kommt es also zu einer institutionellen Veränderung des politischen Prozesses, auf die sich jeder – ob Politiker, Bürger, Medien oder Wissenschaft – einstellen muss.

Kritiker einer solchen Demokratiserungsthese sehen jedoch eine Normalisierung in der politischen Online-Welt auf Grund finanzieller und personeller Kapazitäten in der Offline-Welt. Hat Stoltenberg also am Ende die meisten Likes, weil er die besten Mitarbeiter für seine Online-Kommunikation engagieren kann?

1. Stand: 30.September ca. 12.00 Uhr.
Mehr zur Demokratierungs- und Normalisierungsthese ist auch im Artikel  „Nordeuropäische Politik 2.0“ zu lesen.

Kategorien: Nordeuropa, Politiker im Web 2.0 | Schlagwörter: , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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