Nordeuropäische Politik 2.0

So aktiv wie Obama?
Foto: Pete Souza via Wikimedia Commons 

Längst sind auch Politiker im Web 2.0 angekommen und twittern und posten was das Zeug hält, um auch virtuell die Wählergunst zu erlangen. Doch führt dies wirklich zu einer Mobilisierung von Wählern oder ist das Ganze begleitet von virtuellen Fehltritten einfach nur peinlich? Und wie sieht das politische Web 2.0 in Nordeuropa aus? Dieser Blogartikel eröffnet die Kategorie „Politiker im Web 2.0“ mit der Vorstellung von Videokanälen politischer Akteure aus Dänemark. Es sollen weitere Artikel zu skandinavischen Politikern auf Facebook, Twitter und Co. folgen.

Als Barack Obama im Herbst 2008 die US-Präsidentschaftswahl gewann, führten das viele auf seinen bis dato einzigartigen Wahlkampf im Web 2.0 zurück. Durch eine ganze Netzmaschinerie und freiwilligen „Web-2.0-Helfern“ konnten nicht  nur US-Bürger, sondern Nutzer aus der ganzen Welt seinen politischen Ideen via Twitter und Facebook folgen. Dass er auch im derzeitigen Wahlkampf auf die – nicht mehr nur junge – Nutzergeneration setzt, machte er  schon früh deutlich. Etwa mit einem Treffen des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg im Frühjahr 2011. Obama gilt durch seine Web-2.0-Aktivitäten als das Paradebeispiel für gekonnte politische Online-Kommunikation.

Seehofer ludt zur Facebook-Party

Im Gegensatz dazu gibt es aber auch immer wieder den Spott der Netzgemeinde, vor allem über die politischen Silver Surfer, die sich dynamisch und netzaffin im Web 2.0 präsentieren wollen, dahingegen jedoch eher unsicher, wenn nicht sogar peinlich wirken. Ein Beispiel wäre etwa die Facebook-Party von Horst Seehofer im Mai 2012. Durch einen „Fehlklick“ – oder auch einer gekonnten PR-Aktion seiner zuständigen Mitarbeiter – wurde die eigentlich für die jungen CSUler vorgesehene Party im Münchener P1 zu einer öffentlichen Veranstaltung des Sozialen Netzwerks, zu der sich binnen weniger Tage über 2.500 Menschen einluden – zu viele für den Veranstalter. Nicht nur die Netzgemeinde, sondern auch die breite Öffentlichkeit verspotteten Seehofer daraufhin – doch der erreichte damit wohl sein ursprüngliches Ziel: Viel PR on- und offline.

Auch in der Wissenschaft ist die politische Online-Kommunikation zum Forschungsobjekt geworden. So wurden bisher etwa umfangreiche Studien zu den Webauftritten von Parteien zu Wahlkampfzeiten durchgeführt.1 Insgesamt herrschen derzeit zwei Thesen vor: Die Normalisierungs- und die Innovationsthese. Grob zusammenfasst geht erstere unter anderem davon aus, dass es auch in der virtuellen Welt zu einer Fortführung der klassischen Top-down-Strategie zwischen Politiker/Partei und Wähler kommt. Demnach vermittele die Politik auf Ihren Websites zwar Informationen, ließe den User aber ansonsten nicht an der Gestaltung des Inhalts teilhaben. Anders sieht das die Innovationsthese, die von einer Gleichberechtigung des politischen Diskurses durch das Web ausgeht. Durch interaktive Funktionen wie etwa Kommentare oder Chats würden die einseitigen Informationswege aufgehoben und es käme zum Bottom-up-Prinzip, wodurch Nutzer aktiv am Inhalt mitwirken könnten.2 Durch eine eigene Untersuchung im Rahmen einer Abschlussarbeit habe ich festgestellt, dass auf den Websites der beiden größten Parteien Dänemarks, Socialdemokraterne und Venstre, im Wahlkampf 2011 einige innovative Elemente zu finden waren. Umso interessanter ist es nun, auf ihre Aktivitäten im Web 2.0 zu schauen.

Dänische Politiker im Web 2.0

Videoportal der dänischen Ministerpräsidentin

Wie in den USA oder Deutschland gibt es auch in Skandinavien Politiker, die für ihre rege Aktivität in Sozialen Netzwerken  oder andern Web-2.0-Tools bekannt sind.  Eine von ihnen ist die dänische Ministerpräsidentin Helle-Thorning Schmidt. Neben ihrem Facebook-Account gibt es etwa einen eigenen Videokanal: helle.tv. Hier werden direkte Ansprachen an die Nutzer, aber auch Mitschnitte von öffentlichen Reden oder private Einblicke gezeigt. Anders als noch vor einem Jahr im Wahlkampf wird der Videokanal zurzeit jedoch selten aktualisiert. Ebenso wurden Videos vom Kanal entfernt und ursprüngliche Funktionen, wie die Kommentarfunktion, ausgeschaltet. Innovative Elemente fehlen demnach völlig, was helle.tv derzeit für Nutzer weniger interessant macht, als noch vor ein paar Monaten. Etwas aktueller ist der Videokanal von Thorning-Schmidts Partei Socialdemokraterne, doch auch hier fehlen interaktive Funktionen.

Youtube-Kanal von Venstre

Und wie sieht es bei der politischen Konkurrenz aus? Die ehemalige Regierungspartei Venstre mit dem Vorsitzenden und Ministerpräsident a. D. Lars-Løkke Rasmussen hat einen Kanal auf Youtube. Doch auch sie lassen Nutzer lange auf neue Videos warten. Durch typische Youtube-Funktionen ist es diesen aber immerhin möglich, Kommentare und Bewertungen zu hinterlassen.

Eine konkrete Analyse der Videokanäle dänischer Politiker würde im Rahmen der gängigen Thesen wohl eher für eine Normalisierung sprechen. Um Nutzer, und somit potentielle Wähler, besser über Videos zu erreichen, muss es Verbesserungen geben. Dabei könnten sich die dänischen Politiker ausgerechnet ein Beispiel an einer deutschen Kollegin nehmen:  Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin hält mit ihrem wöchentlichen Podcast plus zusätzlichen Videos von Pressekonferenzen oder Wochenrückblicke auf bundeskanzlerin.de ihre Nutzer nämlich stets auf dem Laufenden.

1 Ein dänisches Beispiel: Jensen, Jakob Linaa; Klastrup, Lisbeth; Hoff, Jens: Internettets rolle under Folketingsvalg 2007. FDIM – Foreningen af Danske Interaktive Medier 2008.
Ein deutsches Beispiel: Schweitzer, Eva Johanna: Normalisierung 2.0? Die Online-Wahlkämpfe deutscher Parteien zu den Bundestagswahlen 2002-2009. In: Holtz-Bacha, Christina (Hrsg.): Die Massenmedien im Wahlkampf. Das Wahljahr 2009. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 189–244.

2 Schweitzer, Eva Johanna: Politische Websites als Gegenstand der Online-Inhaltsanalyse. In: Welker, Martin; Wünsch, Carsten (Hrsg.): Die Online-Inhaltsanalyse. Forschungsobjekt Internet. Herbert von Halem Verlag, Köln 2010, S. 44–102.

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